Sonntag, 23. Oktober 2016

Ein Volk trauert

Gestern war ein sehr bewegender Tag für die thailändische Bevölkerung. Im Zuge des langen Wochenendes (Montag ist ein Feiertag = Chulalongkorn Day, Todestag von König Rama V.), wurde auf dem riesigen Platz Sanam Luang vor dem alten Königspalast im historischen Zentrum Bangkoks eine unglaublich große Verabschiedungsfeier für König Bhumibol Adulyadej, Rama IX., abgehalten.
Der letzte Woche im Alter von 88 Jahren am 13. Oktober 2016 verstorbene König Thailands, gilt als der derzeitig am längsten regierende Monarch (selbst Queen Elisabeth II. ist noch nicht ganz so lange in ihrem Amt), da er schon 1946 auf den Thron kam. Manche beschreiben ihn als den besten buddhistischen König überhaupt - das thailändische Volk liebte ihn (und liebt ihn immer noch) aus ganzem Herzen und die Trauer um seine Krankheit und das darauf folgende Ableben ist immens. Mit vielen wohltätigen Projekten besonders in ärmeren Regionen des Landes, verhalf er der Landwirtschaft zu regem Aufschwung und machte unter anderem Probleme wie Gesundheitswesen und Bewässerung zu seinem Thema.
Als also sein Tod verkündet wurde, war die ganze Nation in einem Schockzustand. Eine Staatstrauer von einem Jahr wurde festgelegt (diese gilt vor allem für staatliche Mitarbeiter), die Trauerperiode für alle anderen wird ungefähr 100 Tage anhalten. In dieser Zeit sollen sich alle Bürger angemessen schwarz oder weiß kleiden (was dem sonst so unglaublichen bunten Bangkok schon ein ganz anderes Erscheinungsbild gibt), Feste, Konzerte und sonstige Spaßveranstaltungen wurden abgesagt, die Kinos und einige Nachtclubs und Bars sind zu, Alkoholverkauf ist eingeschränkt, Flaggen sind auf Halbmast gehisst, Trauerflor und schwarzweiße Schleifen zieren sämtliche Gebäude und die in der Stadt präsenten Königsportraits, es gibt nur noch ein Fernsehprogramm und das zeigt rund um die Uhr Dokumentationen aus dem Leben des Königs, in den Geschäften sind alle Schaufensterpuppen schwarz gekleidet und die Klamottenverkäufer am Straßenrand bieten fast ausschließlich schwarze Kleidung an, alle Webseiten sind schwarzweiß.
So sieht die sonst bunte Google-Seite momentan bei uns aus.

Ankündigung bezüglich des TV-Programms.

Auf sämtlichen Startseiten bekannter thailändischer Webpages wird dem Volk kondoliert.

Ungewohnter Blick auf schwarz gekleidete Menschen am Bahnsteig.


Schwarzweiß-Portrait mit Trauerschleifen.
Auf den großen Werbetafeln (hier oben rechts und links) wird dem König gedacht.

Fast alle Gebäude tragen Trauer.

Gestern also, am Samstag, wurden alle Thailänder dazu eingeladen, beim Königspalast zu Ehren des Königs die Königliche Hymne gemeinsam zu singen und ihm so Respekt zu zollen. Um Platz zu schaffen für die circa 150.000 erwarteten Teilnehmer, wurden 25 Straßen gesperrt und einige Hostels auf der sonst von Backpackern und westlichen Touristen bevölkerten Khao San Road boten ärmeren Besuchen aus entlegenen Gegenden des Landes günstige Übernachtungsmöglichkeiten an.

Und jetzt kommt der Oberknaller: Einige Leute aus meinem Chor durften bei einem 100-köpfigen Chor mitsingen, um von der Bühne in der Mitte des Sanam Luang Platzes die Trauernden musikalisch zu unterstützen. Was für eine Ehre! Ich durfte dabei sein und die Royal Anthem mitsingen, begleitet von einem ebenfalls 100-köpfigen Orchester und dirigiert von Somtow, Thailands bekanntestem Komponisten. Gefilmt wurde das Event von Chatrichalerm Yukol, dem bekanntesten Regisseur und Oskar-Anwärter, der mit dem Königshaus verwandt ist.

Unser Dirigent Somtow während einer kurzen Pause.

Der Filmemacher Chatrichalerm Yukol, der mit einem umfangreichen Kamerateam und zwei Kameradrohnen alles bildlich eingefangen hat.

Am Freitagabend fand eine leicht chaotische Generalprobe des aus Thailändern und Ausländern bunt zusammengewürfelten Chors statt, während der unser Dirigent, der auch das neue Arrangement der Hymne geschrieben hat, uns barfuß (er war barfuß - nicht wir!) zu Höchstleistungen anspornte.

Zur Probe hatte ich meinen Lehrer Prachoom gefragt, ob er mich begleiten und auch mitsingen wollen würde. Neugierig, königstreu und aufgeschlossen, wie er ist, kam er natürlich mit und wollte sich für die ihm bekannteste Stimme (Sopran) einschreiben. Das ging leider nicht, aber irgendwie hat er es dann geschafft, gestern als Staff doch noch eine Ehrenkarte zu erhalten. Freiwillige Mitarbeiter wie er versorgten Chor und Orchester liebevoll mit Wasser und Essen, gekühlten Waschlappen und Eiskaffee.
Selfie mit dem Staff-Badge.

Das Gratis-Catering wurde von verschiedensten Restaurants gesponsort. Es gab sogar ahan dschee - vegetarisches Essen.

Freiwillige Helfer bei der Essensausgabe - dahinter Trauergäste, die nicht ins Musikerzelt hinter der Bühne dürfen und Schatten unter ihren Regenschirmen suchen.

Beste Pizzawerbung ever.

Um 9 Uhr morgens sollte man sich auf Sanam Luang treffen, um seinen VIP-Ausweis zu bekommen. Das Hinkommen gestaltete sich etwas aufwendig, da ja alle Straßen gesperrt waren; mit Prachoom habe ich mich um 8 Uhr früh am Sathorn Pier getroffen, um dann mit Hunderten anderen schwarzgekleideten Menschen per Boot auf dem Chao Phraya zum Tha Chang Pier zu gelangen und von dort zu Fuß weiter zu kommen.

Lange Wartezeiten am Pier. Die von der Marine gestellten Gratisboote fuhren leider nur zwischen 6 und 8 Uhr morgens.

Geschafft, wir sind auf dem Boot.

Tipps aus der Bangkok Post bezüglich der Riesenveranstaltung: Wasser nicht vergessen! Dennoch sind in der brüllenden Hitze und ohne Schatten ganz schön viele Leute umgekippt.

Nach knapp anderhalbstündiger Anreise waren wir im Besitz unserer Backstage-Ausweise und konnten uns zum ersten Mal mit den Ausmaßen der Veranstaltung vertraut machen.

Mein Badge und meine Partitur.
Es war schon jetzt irre heiß, einige Menschen hatten offensichtlich auf dem Sanam Luang übernachtet um sich gut Plätze zu sichern, es wurde gepicknickt, gelacht, geweint, gespielt und gewartet.
Wartende Familien.

Schattenplätze wurden auch abseits des Geschehens in den Seitenstraßen gerne angenommen.

Bei uns im Musikerzelt kamen unterdessen mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten der thailändischen Kulturlandschaft an. Die Mutter von Somtow beispielsweise sang im Chor mit und Prachoom meinte, er habe auch eine der Prinzessinnen vorbeihuschen sehen, wohl eine Nichte oder Enkelin Bhumipols. Einen Altrocker durfte ich dann auch noch kennenlernen, der hier unter dem Künstlernamen Rang Rockestra bekannt ist - sehr lustiger Typ, der mit mir sogleich Madonnas "Like a Virgin" anstimmen wollte, weil er meinte, eine frappierende Ähnlichkeit in mir zu erkennen.
Prachoom hat ihn gleich erkannt!


Endlich ging es zum ersten Soundcheck (oder wie manche von uns hinterher witzelten "Sun Check"): wir standen 30 Minuten in der prallen Sonne auf der Bühne, die Streicher spielten drei Töne, wir warteten und dann verließen wir die Bühne wieder, um uns im Schatten unseres Pavillonzeltes vor den bereitgestellten Ventilatoren aufzureihen und abzukühlen. Da keiner aus den Latschen gekippt ist, haben wohl alle den "Sun Check" bestanden und wir durften auf den ersten Auftritt warten.

Der Platz wurde voller und voller und immer mehr bunte, aufgespannte Regenschirme sollten ihren Haltern ein klein wenig Schatten spenden. Die geforderten schwarzen Kleider ließen alle Leute noch mehr vor sich hinschmelzen, Fächer wedelten vor erröteten Gesichtern und ich fand es irgendwie beruhigend, dass die Thais ebenso schwitzten, wie wir Westerners - wenn auch ungleich lakonischer.
Unser Dirigent beim Soundcheck - noch dürfen auch wir unsere Regenschirme zum Sonnenschutz aufspannen. Während des offiziellen Teils mussten unsere Schirme jedoch verschwinden, damit die Kameras freien Blick auf Chor und Orchester hatten.

Der Chor steht in den Startlöchern.

Die Luftbildkameras zeigen die Ausmaße der Veranstaltung.

Auf der quadratischen Bühne in der Mitte von Sanam Luang stehen wir.

Hier sieht man gut die gesperrten Seitenstraßen um den 12 Hektar großen Sanam Luang - alles voller schwarz gekleideter Besucher. Das Weiße unterhalb der schwarzen Bühne ist unser Musiker-Zelt.

Pünktlich mittags um eins ging es dann los. Ich weiß nicht, wie oft über den Nachmittag verteilt wir die wunderschöne Hymne gesungen haben, vielleicht neun Mal, vielleicht zehn Mal?
Und alle, alle Menschen um uns haben aus ganzer Kraft mitgesungen. Gänsehaut pur. Dabei wurden Fotos vom König hochgehalten, Postkarten, Poster oder auch einfach Geldscheine, die sein Konterfei zeigen.
Standbild aus der Live-Übertragung des NBT, des nationalen Fernsehsenders.

Die Postkartenverkäufer hatten Bilder aus allen Jahrzehnten und Lebenslagen des Königs vorrätig.

Auch Amulette und goldene Metallic-Bilder wurden angeboten.

An allen freien Ecken waren fliegende Händler.

In den Pausen wurden Interviews geführt.

Oder wir haben auf unseren Einsatz gewartet.

Das Orchester auch.

Die ältere Dame in der Mitte ist Somtows Mama.

Der niedliche Kinderchor.

Blick von meinem Platz übers Menschenmeer zum Wat Phra Kaeo und dem Königspalast.

Wenn Ihr die offiziellen Videos dazu sehen wollt, Zeitungsartikel lesen möchtet oder einfach die Königliche Hymne mal hören wollt, dann klickt auf die jeweiligen Links.

Zum Nachmittag hin wurden Chor und Orchester dann entlassen, die Trauergäste blieben auf dem großen Platz versammelt, um abends bei Kerzenlicht erneut gemeinsam zu singen und ihren Gefühlen für den König Ausdruck zu verleihen.
Prachoom und ich schoben uns durch die Menschenmassen, vorbei an Stupas und Pagoden, die allerdings geschlossen waren.







Irgendwann allerdings gab es kein Vorankommen mehr, die Straße war nun auch für Passanten gesperrt, links und rechts auf den Gehwegen hatten sich alle niedergelassen und die Allee schwarz gesäumt, da nun die Königsfamilie mit Eskorte hier entlang fahren sollte. Also blieb uns nichts anderes übrig, als uns dazu zu quetschen und auf dem Boden sitzend zu warten, bis die Entourage vorbeigezogen war.
Das Militär informiert die Gäste, dass die Autokolonne gleich vorbeifährt und bittet höflich darum, die bunten Regenschirme für diesen Moment zu schließen.



Prachoom erklärte, dass die Tamarindenbäume hinter dem Staatsbeamten zum Teil über 200 Jahre alt sind.

Leider konnte ich keine Fotos der vier hellen Mercedes-Limousinen machen, viel zu schnell fuhren sie mit getönten Scheiben an uns vorbei. Gleich danach setzte sich jedoch der Marsch Richtung Flussufer wieder in Bewegung.

Wieder stehen wir in der Schlange und warten geduldig mit den anderen Besuchern auf ein Busboot.

Auf Thai wird erklärt, welches Boot in welche Richtung fährt, glücklicherweise übersetzt Prachoom alles und wir steigen ins Richtige ein.

Vorbei an sämtlichen Sehenswürdigkeiten wie dem Wat Arun und dem Wat Pho (da, wo sich der liegende große Buddha befindet) fuhren wir im überfüllten Boot wieder zum Sathorn Pier.
Neben buddhistischen Tempeln steht eine katholische Kirche und das Minarett einer Moschee ist erkennbar. So friedlich, wie diese Religionen hier zu koexistieren scheinen, war die heutige Veranstaltung - alle kamen, um gemeinsam zu Trauern und in Gedenken an den beliebten König zu Singen und den Tag miteinander zu verbringen. Was für eine Ehre für mich als Ausländerin, mitsingen zu dürfen und so auch Abschied von dieser bedeutenden Persönlichkeit nehmen zu können.