Montag, 29. August 2016

Chatuchak Weekend Market

Die Zeit hier vergeht so irre schnell, dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher komme. Eigentlich ist gar nicht viel Nennenswertes passiert, aber allein das "In-Bangkok-Leben" und "Durch-Bangkok-Spazieren" hält immer wieder neue Überraschungen und Abenteuer bereit. Fängt schon beim Kauf der Bettwäsche an... woher soll ein normaler Deutscher denn wissen, welche Größe Kingsize nun wirklich ist, wieviele Kissenbezugsformate pro Packung verkauft werden und wieviele Knoten hochqualitativ wertvolle ägyptische Baumwolle üblicherweise aufweisen sollte...?
Wie bekommt man die hässlichen braunen Flecken aus Handtüchern, die beim Aufwischen der mittelgroßen Überschwemmung entstanden sind, die wiederum auftrat, weil das Schlafzimmerfenster leider während des heftigen Regengusses letztens aufgelassen wurde? Unsere Maid behandelt diese nun mit thailändischem Allzweckreiniger, denn "Bleach no good". Bin gespannt auf das Ergebnis.

Alles in Bangkok scheint kreativ zusammengeflickt, gebastelt, selbstgemalt und doppelt verknotet, ganz nach dem Motto "sitz, passt, wackelt und hat Luft", aber irgendwie funktioniert alles dann doch. Einer meiner Lieblingsstraßenstände beispielsweise, ist dieser professionell anmutende Uhrenmechaniker, der sein kalligraphisches Kunstwerk eines Omega-Rolex-Longines-Schildes stolz unter dem Sonnenschirm mit grünen Schweinchen aufgestellt hat. Christian wollte sein Uhrarmband dort allerdings nicht reparieren lassen...
Jeder kann alles, und wenn das vollbepackte Fahrrad bockt, wird es am Straßenrand wieder repariert, denn die Einkäufe und Waren müssen schließlich fluktuieren:
Bäume wachsen unbeirrt, wo sie vor Jahren eingepflanzt wurden, und wenn da später jemand auf die Idee kam, unnötigerweise Betonplatten auf den Bürgersteig zu legen, werden diese einfach vom Baum einverleibt, Natur gegen Beton - ich mag diesen Ansatz hier im sonst so einbetonierten und zugepflasterten Bangkok.

An Straßenszenen kann ich mich kaum sattsehen. Am liebsten würde ich alles und jeden fotografieren. Wie die drei Damen vom Grill hier, die sich auf einen langen Abend mit viel hungriger Kundschaft vorbereiten.
Oder diese Köchin, die auf einem Tuktuk Platz genommen hat, um noch schnell per Handy zu kommunizieren, bevor die Hungrigen ihren Stand stürmen.

Manche Tuktuks sind übrigens richtige kleine Kunstwerke; habe am Wochenende beispielsweise dieses Äffchen-Gefährt gesehen und fand es unheimlich niedlich, auch wenn es mit der Kombination aus Augen und Scheinwerfen ein bisschen an die Punktaugen einer überdimensionierten Spinne erinnert.
Selbst die Nachtclubs und "Girlie-Bars" haben einen sensationell hohen kunstgeschichtlichen Anspruch - es kann demnach kein Zufall sein, dass der Monet-Club (oder heißt er Manet-Club?) gleich neben dem Dali koexistiert, inmitten unzähliger Massagestudios und Sportsbars:

Wir haben uns am Wochenende auch dem beliebtesten thailändischen Hobby hingegeben und waren Shoppen. Christians Kolleginnen und Kollegen antworten beim Aufzählen ihrer Freizeitbeschäftigungen nämlich immer als erstes: Shopping. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass ein Ausflug in die riesigen Malls in erster Linie der Abkühlung und nicht dem Geldausgeben dienen, denn draußen ist es mitunter so unerträglich heiß und schwül, dass man am Wochenende ganze Großfamilien durch die klimatisierten Hallen des Konsums wandeln sieht, einen Eistee mit Kondensmilch in der einen Hand, zwei bis drei Plastiktüten mit Schnäppchen in der anderen. Die Malls müssen sich dabei einiges einfallen lassen, um gegeneinander zu konkurrieren und die Menschenmassen zu sich zu locken. Von künstlichen Wasserfällen bis zum Eislaufstadion (!) haben wir schon alles entdeckt, Multiplexkinos und Restaurants jeder internationalen Küche sind selbstredend ohnehin in allen Malls vertreten. In der high-end Mall, in der wir am Wochenende waren, fanden wir uns plötzlich in einem Dachterrassenwassergarten mit Kletterpark und überlebensgroßen bunten Erdmännchenfiguren wieder. Warum? Weil die Thais es eben können. Außerdem werden wohl nirgendwo mehr Selfies und Fotos geschossen als hier, da eignet sich wirklich jedes Motiv:
Die Mädels posen mit ihren Erdmännchen.
Ich frage höflich nach, ob ich auch ein Foto von ihnen machen darf.

Wir bekommen im Gegenzug ebenfalls eines.
Nach einem "französischen" Abendessen
Soufflé mit Hummersauce
haben wir allerdings genug vom Shoppen und suchen die Jazzclub-Empfehlung im Sheraton auf: The Living Room. Wir haben einen wunderbaren Abend mit Randy Cannon, Cherryl Hayes und einem Glas Prosecco und fühlen uns sehr sophisticated.

Als sich Randy (der Klavierspieler) in der Pause an unseren Tisch gesellt und uns wenig später noch seinen Freunden und dem Rest der Band vorstellt, fühlen wir uns schon sehr integriert in der Expat-Gemeinde Bangkoks. Da gehen wir sicher wieder hin.

Am Sonntag machen wir uns erneut auf zum Chatuchak Weekend Market. Vor unserem Apartmentblock warten wir auf den Shuttlebus zum Skytrain und lernen eine fünfköpfige Familie aus Bahrain kennen, die zufälligerweise auch zum "JJ Market" will. Da wir den Weg schon kennen, schließen sie sich uns an und wir kommen ins Gespräch. Christian - gewohnt höflich - stellt sich vor: "I'm Christian". Die Reaktion ist höfliches Lächeln, es wird auf die Schuhe gestarrt... Oh Mann - ich realisiere die Doppeldeutigkeit des Satzes. Die muslimische Familie hat wohl sowas verstanden wie: "Ich bin dann übrigens Christ, und Ihr so?". Schnell jage ich hinterher: "My name is Dajana", - aaah - Erleichterung blitzt in den Augen unserer Gesprächspartner auf. Endlich gibt es eine allgemeine Vorstellungsrunde und die Religionszugehörigkeit wird nicht mehr erwähnt. Wir erfahren, dass die Familie vor der unsäglichen Hitze im arabischen Inselstaat geflohen ist, wo das Thermometer derzeit bis zu 52 Grad Celsius anzeigt. Christian und ich gucken uns verstohlen an: nach Bangkok vor der Hitze fliehen??? Klingt in unseren Ohren so logisch, wie Pizzateig nach Italien mitzunehmen. Ob sie es denn nicht tierisch heiß finden hier in Bangkok bei immerhin 37 Grad, fragen wir. Ja, aber es geht gut, die hohe Luftfeuchtigkeit sei anstrengender. Da sind wir uns alle einig. Am Markt angekommen verabschieden wir uns und tauchen ein ins Gewusel.
Eine Hängematte ist immer und überall ein praktischer Begleiter.

Die gute alte Tischnähmaschine mit Fußpedal kommt bei den hiesigen Schneidern noch immer gerne zum Einsatz.

Effektive Regenrinnenkonstruktion.

Diese Künstlerin bemalt Leinenschuhe von Hand. Auf diesem Foto föhnt sie ihr neuestes Werk trocken. Die wirklich schönen Schuhe verkauft sie ab 450 Baht - das sind umgerechnet ca. 11 Euro. Und man kann ihr bei der kontemplativen Arbeit stundenlang zuschauen.

In diesem Coffee Shop wird der Kaffee richtig lecker und frisch durch den Filter direkt in den Becher aufgebrüht.

Stundenlang schlendern wir durch den Arts & Crafts Teil des Marktes, besuchen zahlreiche kleine gallery shops und sprechen mit den Künstlern und Händlern. Sehr nett hier, kreativ, modern, jung und bunt. Irgendwie verlaufen wir uns natürlich trotzdem und landen plötzlich in dem Bereich des Marktes, wo lebende Haustiere an den Kunden gebracht werden sollen. In winzigen Käfigen werden viel zu junge Hundewelpen unter grellem Neonlicht im Schaufenster präsentiert, manche sitzen apathisch in eine Ecke, andere haben das Glück, zu zweit im Käfig zu sein und tollen tapsig über den knapp bemessenen Käfigboden. Vor allem die niedlichen Schlappohrrassen und die Teddybärplüschfellkugeln scheinen bei der Kundschaft begehrt zu sein. Am Nebenstand werden sogar Huskys angeboten. Huskys. In Bangkok. Bei über 35 Grad. Wir sind fassungslos. In der Nebenstraße ist der Katzenverkauf und in karg möblierten, gefliesten Räumen tummeln sich bis zu 30 Katzen jeden Alters. Ein Kiosk ist voller blauäugiger Siamkatzen, der nächste bietet Langhaarrassen an. Noch einen Gang weiter hören wir die Papageien schon von weitem kreischen. Wieder das gleiche Spiel: große Vögel in viel zu kleinen Käfigen, die Flügel laienhaft gestutzt, dicke Ketten am Fußgelenk. Eine weitere Ecke gibt den Blick frei auf ganz viele Wellensittiche, die sich dicht gedrängt eine enge Voliere teilen. Wir wollen raus aus diesem Teil des Marktes.
Die Tiere freizukaufen ist wohl ein unmögliches Unterfangen, da der Kreislauf endlos weitergeht und die Puppy Farms schon morgen wieder neue Welpen etc. ankarren.
Ein paar Tage später erfährt Christian von seiner Kollegin, dass dieser Teil des Marktes irgendwie halb-legal ist, die Behörden aber der Lage offensichtlich nicht Herr werden können. Die einheimischen Haustiere dürfen offiziell verkauft werden, allerdings blüht in den hinteren Seitengängen der Handel mit Cites-pflichtigen Tieren und noch ein bisschen tiefer im Markt drinnen scheinen auch noch Hahnenkämpfe stattzufinden. Weiter erklärt sie, dass man sich hier gerne mal spontan ein süßes Hundebaby kauft, nach ein paar Monaten aber nicht mehr so recht weiß, wohin damit, und es dann einfach laufen lässt. Auf anderen Websites lese ich, dass viele der gekauften Welpen Staupe, Tollwut oder sonstige Krankheiten haben. Christians Kollegin selbst kümmert sich neben ihrer Arbeit im Büro um ca. 30 Hunde, die alle irgendwann den Weg zu ihr und ihrer privaten Auffangstation gefunden haben. Vielleicht kann sie ja mal meine Hilfe brauchen?
Endlich finden wir wieder den Weg zur Metro und sprechen noch lange über unsere gesammelten Eindrücke.
Am Abend suchen wir das nette indische Fastfood-Restaurant Saras auf, das ausschließlich vegetarische und vegane Gerichte auf der reichhaltigen Karte hat. Umgeben von indischen Tanten, Onkels, Kindern, Geschäftspartnern, überforderten Müttern und flirtenden Pärchen versuchen wir, mit den uns zum Teil gänzlich unbekannten Gerichtenamen klar zu kommen. In der Hoffnung, dass wir bei einem rein vegetarischen Restaurant nichts falsch machen können, bestellen wir einfach drauf los und haben binnen 20 Minuten so viele Leckereien auf unserem Tisch stehen, dass wir gar nicht wissen, was was ist und wo wir am besten anfangen sollen.
Christian und der Paneer-Dosa mit Kokosnuss-Chutney und Sambar.

Alles lecker und fettig und gut.
Unser Heimweg führt uns noch beim berühmtesten deutschen Restaurant Bangkoks vorbei, das momentan damit wirbt, die Pfifferlingswochen bereits eingeläutet zu haben... vielleicht sollten wir Otto im Herbst mal einen Besuch abstatten und schauen, ob er auch gute Kürbissuppe und Brezenknödel auf der Karte hat.

Daheim angekommen eine angenehme Überraschung: unser Tesco-Einkauf wurde pünktlich bei uns angeliefert und wie vereinbart in unserer Abwesenheit zusammen mit unserem Hausmeister-Service bei uns daheim auf dem Fußboden drapiert. Netterweise wurden Butter und Käse vorsorglich im Kühlschrank versorgt.
Irre, wie viel Wasser wir hier pro Woche verbrauchen.




Donnerstag, 25. August 2016

Wasserweg nach Hause

Ein paar Freunde und Bekannte haben fürsorglich gefragt, wie es mir so den ganzen Tag lang in Bangkok geht, wie ich mich beschäftige (darf ja noch nicht arbeiten, da ich keine Work Permit habe) und was ich so treibe. Und ich muss antworten: mir war noch keine einzige Minute hier langweilig!
Zwei- bis dreimal die Woche kommt mein Thailehrer und foltert mich mit den verrücktesten Rechtschreibregeln, die man sich vorstellen kann, ab und zu gehe ich in unser hauseigenes Gym, um im klimaanlagengekühlten Raum im 30. Stock mit Aussicht auf Bangkok ein wenig zu sporteln (leider eher selten, um ehrlich zu sein!!), meistens streunere ich durch unser Viertel oder fahr ein paar Skytrain- oder Metrostationen weiter, um mir neue Gegenden zu erobern, ich genieße den Blick auf unzählige Geisterhäuschen und bestaune das geschäftige Leben auf der Straße, und seit neuestem bin ich Mitglied in einem international bunt zusammengewürfelten Chor (Bangkok Music Society). Gemeinsam studieren wir einmal die Woche Vivaldis Gloria und ein paar Christmas Carols ein, um dann im Dezember bei unserem Weihnachtskonzert damit zu brillieren. Meine neue Bekannte, die ich bei einem meiner Streifzüge zufällig kennengelernt habe, hat mich drauf gebracht, und bei den Proben selbst habe ich auch schon wieder viele nette neue Leute aus aller Herren Länder getroffen (so auch eine ältere Engländerin, die seit 30 Jahren in Bangkok lebt und *fließend* Thai spricht - ich finde sie unglaublich interessant und freue mich darauf, ihre Einladung zu sich nach Hause anzunehmen, sie wohnt in einer Thai-only-neighborhood und ist dort die einzige Farang, das ist sicher eine spannende Erfahrung.).

Gestern Abend, kurz vor Probenbeginn, meldete sich Christian bei mir wegen des Erdbebens... Erdbeben? Ich hatte nichts mitbekommen, saß ich doch schon unter dem Fortune Town Building in der Yamaha Music School und snackte eine leckere Mini-Banane. Im 23. Stock seines Firmengebäudes jedoch war alles ins Schwanken geraten, die thailändischen Mitarbeiter verließen wohl allesamt fluchtartig das Büro, während die Westerners anfangs noch dachten, das seltsame Gefühl wäre einer allgemeinen Kreislaufschwäche zuzuschreiben.
Das Erdbeben war dann auch Gesprächsthema im Chor, einige (wie ich), die ebenerdig oder unterirdisch unterwegs waren, hatten nichts davon gespürt, während andere in ihren hoch oben gelegenen Apartmens oder Büros dann doch noch deutlich den Schwingungsausschlag wahrnehmen konnten. Auch Prachoom rief mich sogleich besorgt an um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei bei mir. Das Epizentrum des Bebens lag in Myanmar, aber die Erzitterung war in den meisten Anrainerländern bis hin nach Indien zu spüren. Glücklicherweise hatte trotz Stärke 6,8 die Katastrophe weitaus geringere Ausmaße, als das schreckliche Erdbeben einen Tag zuvor in Italien.

Der Heimweg nach der Chorprobe gestaltete sich dann noch als extrem abenteuerlich, da es mal wieder wie aus Eimern schüttete und ich kein Taxi ergattern konnte. Also fuhr ich mit den Öffentlichen und vielen anderen klatschnassen Fahrgästen Richtung Sukhumvit-Straße, wo sich Christian mit einem Kollegen noch ein Feierabendbierchen in einer Bar gönnte. Auch hier war kein freies Taxi zu kriegen, aber ein Tuktuk-Fahrer hatte Erbarmen mit uns und ließ uns in sein nasses Gefährt einsteigen. Der erste Kilometer auf der Hauptstraße ging noch erstaunlich gut, doch als wir in unsere Soi (Seitenstraße) einbogen, war nach weiteren 900 Metern Schicht im Schacht. Das Wasser auf der Straße war kniehoch angestiegen und der Motor unseres Tuktuks hatte in den Fluten wohl Schaden genommen und fiel aus.
Noch sitzen wir im Tuktuk und hoffen, der Motor möge wieder anspringen...
Der Fahrer sprang beherzt in den neu entstandenen Fluss und manövrierte seinen Wagen so nah an eine überdachte Hausecke, dass wir halbwegs trocken dort aussteigen konnten. Christian half ihm dann noch, sein Tuktuk auf eine kleine Anhöhe an der Seitenstraße zu schieben, wo der Ärmste hoffentlich in der Lage war, es irgendwann wieder betriebsbereit zu machen.
Rien ne va plus.
Da standen wir also und wussten nun auch nicht so recht weiter. Viele Autos fuhren an uns vorbei und ließen enorme Flutwellen auf uns zuschwappen, doch alle Taxis waren besetzt und auf ein Motorrad-Taxi trauten wir uns bei dem Wetter dann auch irgendwie nicht.
Die Damen auf der gegenüberliegenden Seite versuchen, mit einem Gummischieber das Wasser davon abzuhalten, in ihr Restaurant zu strömen.

Die mobile Essensverkäuferin hat die Ruhe weg und schiebt ihren Kochstand stoisch durch die Fluten.

Ein Jet-Ski wäre uns bedeutend lieber gewesen, als ein Motorrad.

Pech mit den Taxis, alle schon besetzt.

Wenigstens ist der Regen genauso warm wie die Luft.
Inzwischen war es schon nach 23 Uhr und so langsam dämmerte uns, dass wir es nolens volens so machen sollten, wie die anderen auch: Hosenbeine hochkrempeln, Schuhe in die Hand, und losmarschieren.

Unser Wasserspaziergang nach Hause löste in uns die unterschiedlichsten Emotionen aus. Erst nörgelten und schimpften wir noch wie die Rohrspatzen, doch als wir nach rund 20 Minuten Fußmarsch in unsere Auffahrt einbogen, hatten wir alle Regenlieder durchgesungen, die uns einfielen ("Singing in the rain", "Raindrops keep falling on my head", "It's raining men", "Regentropfen, die an dein Fenster klopfen"... - sollten Euch noch weitere themenbezogene Lieder einfallen, bin ich dankbar über neuen Input, denn mit einem Wanderliedchen auf den Lippen ist so eine ungewollte Kneipp-Kur gleich um einiges erträglicher.)
Die meisten Autofahrer erwiesen sich wenigstens als so zuvorkommend, dass sie ihre Fahrzeuge zumindest leicht abbremsten, wenn sie an uns und den anderen Fußgängern vorbeifuhren, um die Wellen pro forma einzudämmen.
Solche Seitenstraßenüberquerungen sind recht spannend, da man in dem brackig-braunen Regenwasser nicht sehen kann, wo das nächste Schlagloch ist, das einen wieder in ungeahnte Tiefen eintauchen lässt!

Aus Angst vor Scherben, Schlangen, spitzen Steinen usw. habe ich meine Sandalen angelassen... wie gut, dass ich mir hier an jeder Straßenecke neue Schuhe kaufen kann. Und vielleicht besorge ich mir einfach auch wieder die durchsichtigen Plastikbadesandalen aus meiner Kindheit? Könnte von Vorteil sein hier.

Im unklaren, braunen Wasser sehe ich nicht mal mehr meine eigenen Füße. Hier ist es zum Glück nur knöcheltief.
Daheim angekommen waren wir trotz Regenschirm gänzlich durchnässt, aber das ist bei immer noch 30 Grad auch nicht weiter schlimm und nach einer warmen Dusche hatten wir auch unser nötiges Reinheitsgefühl wiederhergestellt und konnten erschöpft ins Bett gehen.

Vielleicht sollte ich in Erwägung ziehen, mir für zukünftige Monsunattacken doch noch diese praktischen Regenschutzhüllen für Schuhe zu kaufen, die fortan sicherheitshalber in meiner Handtasche wohnen sollten. Besser aber wäre es, wenn es die auch als Over-Knee-Modell gäbe.

Dienstag, 23. August 2016

Sonntagsausflug nach Amphawa

Prachoom ist wirklich unglaublich nett und höflich und sehr bemüht, all seinen internationalen Bekannten und Freunden die thailändische Kultur näher zu bringen. Also schlug er uns vergangenen Sonntag vor, gemeinsam einen Ausflug nach Amphawa zu unternehmen. Amphawa liegt ca. anderthalb Stunden von Bangkok entfernt im Südwesten.
Prachoom holte uns mit seinem Auto an der Endstation des Skytrains ab und wir fuhren los. In der Banlieue Bangkoks werden die Hochhäuser kleiner, die Straßen breiter, größere Teile des Himmels sind zu sehen und der Verkehr ist nicht mehr gar so verrückt, wie in der Megacity selbst.
Auf unserer Fahrt kamen wir wieder an unzähligen Tempeln und Supermärkten, Straßenhändlern und Kleinstädten vorbei, und klebten wie die Kinder mit unseren Nasen an der Fensterscheibe. In der Provinz Samut Sakhon hielten wir kurz an einem Raststättentempel, der uns wahnsinnig verkommerzialisiert vorkam, da man für alles einen Obolus zahlen konnte (wenn man wollte). Ich entschloss mich dazu, 20 Baht für ein dickes Grasbüschel auszugeben, um die hungrigen Tempel-Wasserbüffel zu füttern, die die Mönche vom Schlachthof freigekauft hatten, um ihnen ein Leben in Frieden zu gewähren (und vermutlich auch, um ihr eigenes Karma etwas aufzubessern).
Prachoom trägt übrigens stolz einen Sonnenhut, den er vor Jahren auf einem internationalen Camp mit Schweizer Pfadfindern getauscht hat.


Der Tempel glich in der Größe einer Lagerhalle, überall blitzten bunte Lichterketten und die Spendentöpfchen klirrten und klimperten nur so.

Am besten gefielen mir die riesigen Tierskulpturen, die den Eingang flankierten.


In der Halle vor dem Tempel konnten wir den Vergoldungsprozess der Buddha-Skulpturen richtig schön mitverfolgen.
Einzelne Blattgold-Viereckchen kleben schon auf der schwarzen Statue, in ein paar Jahren ist sie vielleicht schon ganz gülden, je nach dem, ob man da auch mal ein Treppchen oder eine Leiter hinstellt.

Fromme Buddhisten, die das Buddha-Knie bekleben.

Auch unter den Buddhisten gibt es Leute mit großartigem Humor - so hat hier einer sein Goldblättchen direkt in dem Bauchnabel des dicken Buddhas platziert. (Die dicken Skulpturen sind übrigens nicht thailändisch, sondern meistens chinesisch, der typische Thai-Buddha ist von schlanker und anmutiger Gestalt)
Auf der Weiterfahrt kamen wir an vielen Salzfarmen vorbei, wo schon seit Jahrhunderten Salz aus dem Meerwasser auf großen Feldern gefördert wird. Am Straßenrand kann man säckeweise Meersalz kaufen.
In Amphawa angekommen, parkten wir vor dem Eingang des King Phutthaloetla Naphalai Memorial Park. Hier wohnte König Rama II., der von 1809 bis 1824 König des damaligen Siams war. Der Park wird wunderschön in Schuss gehalten und manche der originalen Teak-Häuser aus der Zeit des Königs stehen renoviert und restauriert und für jedermann begehbar darin. Teak war übrigens unter anderem deshalb ein sehr beliebter Baustoff, da die Termiten und Holzwürmer das Holz nicht gerne essen und deshalb vor Fress-Vandalismus zurückschrecken. In einem der Häuser ist eine interessante Ausstellung zur Geschichte thailändischer Süßspeisen (in dem Beitrag über Chinatown hatte ich ja bereits ein paar Sätze über die süßen Desserts und deren Geschichte verloren) zu sehen, denn auf die ist die gesamte Nation (zu Recht) stolz.
Blick in den grünen und blühenden Park.
Diese Tierfiguren sind Schaber, mit denen das Fruchtfleisch aus den Kokosnüssen gekratzt wurde, um es dann in allen erdenklichen Aggregatzuständen und Konsistenzen in süße Leckereien weiterzuverarbeiten.
König Rama II. war selbst literarisch auf Zack und hat sogar ein Gedicht über thailändische Spezialitäten verfasst. Das sagt schon einiges über die Kultur und die Liebe zu gutem Essen aus, finde ich.


Die einzelnen Räume in den anderen Holzhäusern geben Informationen über das Leben an Hofe vor 200 Jahren, über Mode, Haartracht, Freizeitbeschäftigungen, Gebete, Bildung usw. und alles ist wirklich schön und lebhaft in Szene gesetzt. Da man in Thailand allerdings immer beim Betreten eines Hauses oder Tempels die Schuhe höflichkeitshalber auszieht, hatte Christian mit seinen Schnürsenkeln ab und zu einen Tempo-Nachteil, ich dafür musste schon mal ziemlich schnell über die heißen Holzdielen in den Innenhöfen zwischen den Räumen sausen, um mir nicht die Fußsohlen zu verkohlen!
Diese Damen sind tapfer barfuß unterwegs, ich darf auf dem langen Gang meine Schuhe anbehalten.


Vom Museumspark konnten wir zu Fuß zum mit Sonnenschirmen überdachten Markt von Amphawa gehen und durch eine enge und von bunten Ständen gesäumte Gasse direkt an die Waterfront gelangen, nicht, ohne unterwegs noch die eine oder andere Leckerei zu kaufen.


Christian kauft frische Pomelo, die trotz ihres unnachahmlichen Geschmacks hier immer mit einem Zuckertütchen zusammen verkauft wird, da die Thais Süßes wirklich sehr lieben und, wenn's irgendwie geht, alles noch ein bisschen süßer machen.

Schmale Brücke über den Kanal.

Hier beginnt der Floating Market.
Die junge Frau malt nicht etwa auf einer Leinwand ein Kunstwerk - nein, es handelt sich um einen Windschutz, damit die Kohlen des schwimmenden Grills nicht zu schnell verglühen. Wo kämen wir denn hin, wenn es plötzlich kein Essen mehr gäbe?
Auch auf dem Kanal geht das Markttreiben weiter und zahlreiche Bötchen schwimmen von Treppe zu Treppe, um alle möglichen Waren (hauptsächlich Essen) feil zu bieten. Nach einem feinen Mittagessen an der Spitze des Piers, bestiegen wir dann eines der Boote, die eine kleine Runde auf dem ruhigen Teil des Mae Nam Mae Klong Flusses drehen. Sonntags machen viele thailändische Familien Ausflüge und unser Longtail-Boot war gut gefüllt mit einheimischen Touristen, einem spanischen Pärchen und uns. Dafür kostete unser Ticket auch nur 50 Baht, während die Farangs, die ein privates Boot buchen möchten, dafür auch mal gut und gerne 500 Baht zahlen.
Im Boot ist es hinten zwar angenehmer, da einem nicht das Wasser ins Gesicht spritzt, allerdings ist der Antriebsmotor (zu sehen hinten links im Bild, Christian ist der Meinung, das sind getunte alte Automotoren) ohrenbetäubend laut und macht eine Unterhaltung schier unmöglich.
Unser Boot verfügte zwar nur über eine sehr geringe Anzahl alter Schwimmwesten, aber Rettungstrillerpfeifen gab es zuhauf.
Die Tour führte uns aus dem Kanal raus auf den breiten Fluss und dann flussaufwärts (nicht Richtung Meer, sondern ins Landesinnere), um an fünf Tempeln anzulegen, die wir uns innerhalb von jeweils 15 Minuten anschauen konnten. Dann wurde wieder eingestiegen und weitergebraust.

Impressionen vom Schwimmenden Markt.

Die Waterkant.


Ein einsamer Fischer direkt vor dem ersten Tempelchen, das wir besichtigt haben.

Die Buddha-Galerie hat uns an die in Wat Pho erinnert. Christian wollte gerne die Glocke läuten und ein lustiges Lied anstimmen. Ich konnte ihn grad noch davon abhalten.

Rechts im Bild der Grund zur Annahme, dass Mönche sonntags Waschtag haben!

Wandgemälde hoch oben über dem Eingang.
An den vielen Armen der Skulptur im Giebel des Daches erkennt man, dass es sich um eine indische Gottheit handeln muss.

Prachoom erklärte uns, dass die an der Wand befestigten Gebilde traditionelle Thai-Drachen sind. Wer mehr über die interessante Geschichte des Drachenfliegens in Thailand erfahren möchte, kann hier weiterlesen.

Im Wasser konnten wir zwei Warane schwimmen sehen und viele kleine und größere Fische, die ab und zu vor allem in Tempelnähe auftauchen, weil sie dort gefüttert werden (gut fürs Karma). Allerdings werden an einigen Tempeln auch Babyschildkröten, Frösche, Aale und andere Fische (ja selbst Singvögel) in farbigen Plastikwannen gehalten, die man freikaufen und ins Wasser setzen kann, da das ja auch gut fürs Karma ist. Schlecht fürs Karma der Verkäufer ist nur, dass gleich an der nächsten Stromschnelle schon die Fangkörbe bereit stehen, die Tiere, die sich eben noch in Freiheit wähnten, direkt hineingespült werden, und wieder in den Plastikwannen landen, um erneut einer buddhistischen Familie ein paar Baht aus dem Portemonnaie zu locken. Ewiger Kreislauf der Geldscheffelei.
Einen freilebenden Eisvogel konnten wir dann auch noch im Dickicht der Uferböschung entdecken, sein schillerndes blaues Gefieder war leicht zu erkennen, doch fürs Foto war er dann doch zu schnell.

Der letzte Tempel, der von unserem Kapitän angesteuert wurde, war Wat Khai Bang Kung, er stammt noch aus der Ayutthaya-Periode, wo er von einer wunderschönen Prinzessin erbaut bzw. finanziert wurde und ist mittlerweile komplett von Banyanfeigen eingewachsen. Im 18. Jahrhundert fanden hier erbitterte Kämpfe zwischen Siam und Burma statt (die Burmesen hatten 1767 Ayutthaya eingenommen, doch Khai Bang Kung blieb offensichtlich in siamesischer Hand), die Marine hatte ein Nahkampfausbildungszentrum hier auf dem Tempelgelände aufgebaut. Deshalb steht heute gegenüber des Tempels ein Kriegerheldendenkmal.
Auf den ersten Blick war der Tempel gar nicht als solcher zu erkennen, da die bunten spitzen Giebelfigürchen und jeglicher äußerer Zierrat komplett überwachsen ist.
Die rechteckigen Fensteröffnungen verraten, dass sich hinter den Wurzeln und Ästen ein Gebäude befinden muss.

Manche Fenster sind schon kaum mehr zu erkennen.

Der erste Blick auf den über und über mit Blattgold beklebten Buddha.

Auf einer Reise-Website habe ich den schönen Satz gelesen, dass man an diesem Ort die Lehren den Buddhismus "alles fließt" und "alles ist verbunden" sehr eindrucksvoll sehen und erleben kann.

Hihi, da hat sich Prachoom auch noch ins Foto geschlichen - um so schöner, denn er ist wirklich eine Bereicherung für unser Leben hier in Thailand.


Wir durften mit den anderen Besuchern zusammen einmal um den Buddha herumlaufen und haben dabei (in Ermangelung an Blattgold) Geldmünzen in die von der Hitze wachsweiche, zentimeterdicke Goldschicht gedrückt (gut fürs Karma!). Endlich war ich froh, dass ich trotz 38 Grad im Schatten eine lange Hose und eine Bluse mit bedeckten Schultern anhatte: in weniger züchtiger Kleidung und ohne Sarong, den ich um mich hätte schlingen können, hätte ich den Buddha nur aus der Ferne bestaunen dürfen, denn der strenge Wachmann am Eingang hat alle Touristen und die Angemessenheit ihrer Kleidung sehr genau inspiziert.

Der Rückweg führte und wieder vorbei an Pfahlbauten und Fischern, hinein in das trubelige Amphawa.

Blick von einer der Brücken auf den Kanal.

Nachdem wir noch gemeinsam erfrischendes Kokoswasser vom Markt getrunken und unseren Rucksack mit Mangostinen, Longans, Karambole und Noina gefüllt hatten, stiegen wir wieder in Prachooms Auto, um im dichten Verkehr nach Hause nach Bangkok zu fahren.