Donnerstag, 25. August 2016

Wasserweg nach Hause

Ein paar Freunde und Bekannte haben fürsorglich gefragt, wie es mir so den ganzen Tag lang in Bangkok geht, wie ich mich beschäftige (darf ja noch nicht arbeiten, da ich keine Work Permit habe) und was ich so treibe. Und ich muss antworten: mir war noch keine einzige Minute hier langweilig!
Zwei- bis dreimal die Woche kommt mein Thailehrer und foltert mich mit den verrücktesten Rechtschreibregeln, die man sich vorstellen kann, ab und zu gehe ich in unser hauseigenes Gym, um im klimaanlagengekühlten Raum im 30. Stock mit Aussicht auf Bangkok ein wenig zu sporteln (leider eher selten, um ehrlich zu sein!!), meistens streunere ich durch unser Viertel oder fahr ein paar Skytrain- oder Metrostationen weiter, um mir neue Gegenden zu erobern, ich genieße den Blick auf unzählige Geisterhäuschen und bestaune das geschäftige Leben auf der Straße, und seit neuestem bin ich Mitglied in einem international bunt zusammengewürfelten Chor (Bangkok Music Society). Gemeinsam studieren wir einmal die Woche Vivaldis Gloria und ein paar Christmas Carols ein, um dann im Dezember bei unserem Weihnachtskonzert damit zu brillieren. Meine neue Bekannte, die ich bei einem meiner Streifzüge zufällig kennengelernt habe, hat mich drauf gebracht, und bei den Proben selbst habe ich auch schon wieder viele nette neue Leute aus aller Herren Länder getroffen (so auch eine ältere Engländerin, die seit 30 Jahren in Bangkok lebt und *fließend* Thai spricht - ich finde sie unglaublich interessant und freue mich darauf, ihre Einladung zu sich nach Hause anzunehmen, sie wohnt in einer Thai-only-neighborhood und ist dort die einzige Farang, das ist sicher eine spannende Erfahrung.).

Gestern Abend, kurz vor Probenbeginn, meldete sich Christian bei mir wegen des Erdbebens... Erdbeben? Ich hatte nichts mitbekommen, saß ich doch schon unter dem Fortune Town Building in der Yamaha Music School und snackte eine leckere Mini-Banane. Im 23. Stock seines Firmengebäudes jedoch war alles ins Schwanken geraten, die thailändischen Mitarbeiter verließen wohl allesamt fluchtartig das Büro, während die Westerners anfangs noch dachten, das seltsame Gefühl wäre einer allgemeinen Kreislaufschwäche zuzuschreiben.
Das Erdbeben war dann auch Gesprächsthema im Chor, einige (wie ich), die ebenerdig oder unterirdisch unterwegs waren, hatten nichts davon gespürt, während andere in ihren hoch oben gelegenen Apartmens oder Büros dann doch noch deutlich den Schwingungsausschlag wahrnehmen konnten. Auch Prachoom rief mich sogleich besorgt an um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei bei mir. Das Epizentrum des Bebens lag in Myanmar, aber die Erzitterung war in den meisten Anrainerländern bis hin nach Indien zu spüren. Glücklicherweise hatte trotz Stärke 6,8 die Katastrophe weitaus geringere Ausmaße, als das schreckliche Erdbeben einen Tag zuvor in Italien.

Der Heimweg nach der Chorprobe gestaltete sich dann noch als extrem abenteuerlich, da es mal wieder wie aus Eimern schüttete und ich kein Taxi ergattern konnte. Also fuhr ich mit den Öffentlichen und vielen anderen klatschnassen Fahrgästen Richtung Sukhumvit-Straße, wo sich Christian mit einem Kollegen noch ein Feierabendbierchen in einer Bar gönnte. Auch hier war kein freies Taxi zu kriegen, aber ein Tuktuk-Fahrer hatte Erbarmen mit uns und ließ uns in sein nasses Gefährt einsteigen. Der erste Kilometer auf der Hauptstraße ging noch erstaunlich gut, doch als wir in unsere Soi (Seitenstraße) einbogen, war nach weiteren 900 Metern Schicht im Schacht. Das Wasser auf der Straße war kniehoch angestiegen und der Motor unseres Tuktuks hatte in den Fluten wohl Schaden genommen und fiel aus.
Noch sitzen wir im Tuktuk und hoffen, der Motor möge wieder anspringen...
Der Fahrer sprang beherzt in den neu entstandenen Fluss und manövrierte seinen Wagen so nah an eine überdachte Hausecke, dass wir halbwegs trocken dort aussteigen konnten. Christian half ihm dann noch, sein Tuktuk auf eine kleine Anhöhe an der Seitenstraße zu schieben, wo der Ärmste hoffentlich in der Lage war, es irgendwann wieder betriebsbereit zu machen.
Rien ne va plus.
Da standen wir also und wussten nun auch nicht so recht weiter. Viele Autos fuhren an uns vorbei und ließen enorme Flutwellen auf uns zuschwappen, doch alle Taxis waren besetzt und auf ein Motorrad-Taxi trauten wir uns bei dem Wetter dann auch irgendwie nicht.
Die Damen auf der gegenüberliegenden Seite versuchen, mit einem Gummischieber das Wasser davon abzuhalten, in ihr Restaurant zu strömen.

Die mobile Essensverkäuferin hat die Ruhe weg und schiebt ihren Kochstand stoisch durch die Fluten.

Ein Jet-Ski wäre uns bedeutend lieber gewesen, als ein Motorrad.

Pech mit den Taxis, alle schon besetzt.

Wenigstens ist der Regen genauso warm wie die Luft.
Inzwischen war es schon nach 23 Uhr und so langsam dämmerte uns, dass wir es nolens volens so machen sollten, wie die anderen auch: Hosenbeine hochkrempeln, Schuhe in die Hand, und losmarschieren.

Unser Wasserspaziergang nach Hause löste in uns die unterschiedlichsten Emotionen aus. Erst nörgelten und schimpften wir noch wie die Rohrspatzen, doch als wir nach rund 20 Minuten Fußmarsch in unsere Auffahrt einbogen, hatten wir alle Regenlieder durchgesungen, die uns einfielen ("Singing in the rain", "Raindrops keep falling on my head", "It's raining men", "Regentropfen, die an dein Fenster klopfen"... - sollten Euch noch weitere themenbezogene Lieder einfallen, bin ich dankbar über neuen Input, denn mit einem Wanderliedchen auf den Lippen ist so eine ungewollte Kneipp-Kur gleich um einiges erträglicher.)
Die meisten Autofahrer erwiesen sich wenigstens als so zuvorkommend, dass sie ihre Fahrzeuge zumindest leicht abbremsten, wenn sie an uns und den anderen Fußgängern vorbeifuhren, um die Wellen pro forma einzudämmen.
Solche Seitenstraßenüberquerungen sind recht spannend, da man in dem brackig-braunen Regenwasser nicht sehen kann, wo das nächste Schlagloch ist, das einen wieder in ungeahnte Tiefen eintauchen lässt!

Aus Angst vor Scherben, Schlangen, spitzen Steinen usw. habe ich meine Sandalen angelassen... wie gut, dass ich mir hier an jeder Straßenecke neue Schuhe kaufen kann. Und vielleicht besorge ich mir einfach auch wieder die durchsichtigen Plastikbadesandalen aus meiner Kindheit? Könnte von Vorteil sein hier.

Im unklaren, braunen Wasser sehe ich nicht mal mehr meine eigenen Füße. Hier ist es zum Glück nur knöcheltief.
Daheim angekommen waren wir trotz Regenschirm gänzlich durchnässt, aber das ist bei immer noch 30 Grad auch nicht weiter schlimm und nach einer warmen Dusche hatten wir auch unser nötiges Reinheitsgefühl wiederhergestellt und konnten erschöpft ins Bett gehen.

Vielleicht sollte ich in Erwägung ziehen, mir für zukünftige Monsunattacken doch noch diese praktischen Regenschutzhüllen für Schuhe zu kaufen, die fortan sicherheitshalber in meiner Handtasche wohnen sollten. Besser aber wäre es, wenn es die auch als Over-Knee-Modell gäbe.

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