Montag, 29. August 2016

Chatuchak Weekend Market

Die Zeit hier vergeht so irre schnell, dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher komme. Eigentlich ist gar nicht viel Nennenswertes passiert, aber allein das "In-Bangkok-Leben" und "Durch-Bangkok-Spazieren" hält immer wieder neue Überraschungen und Abenteuer bereit. Fängt schon beim Kauf der Bettwäsche an... woher soll ein normaler Deutscher denn wissen, welche Größe Kingsize nun wirklich ist, wieviele Kissenbezugsformate pro Packung verkauft werden und wieviele Knoten hochqualitativ wertvolle ägyptische Baumwolle üblicherweise aufweisen sollte...?
Wie bekommt man die hässlichen braunen Flecken aus Handtüchern, die beim Aufwischen der mittelgroßen Überschwemmung entstanden sind, die wiederum auftrat, weil das Schlafzimmerfenster leider während des heftigen Regengusses letztens aufgelassen wurde? Unsere Maid behandelt diese nun mit thailändischem Allzweckreiniger, denn "Bleach no good". Bin gespannt auf das Ergebnis.

Alles in Bangkok scheint kreativ zusammengeflickt, gebastelt, selbstgemalt und doppelt verknotet, ganz nach dem Motto "sitz, passt, wackelt und hat Luft", aber irgendwie funktioniert alles dann doch. Einer meiner Lieblingsstraßenstände beispielsweise, ist dieser professionell anmutende Uhrenmechaniker, der sein kalligraphisches Kunstwerk eines Omega-Rolex-Longines-Schildes stolz unter dem Sonnenschirm mit grünen Schweinchen aufgestellt hat. Christian wollte sein Uhrarmband dort allerdings nicht reparieren lassen...
Jeder kann alles, und wenn das vollbepackte Fahrrad bockt, wird es am Straßenrand wieder repariert, denn die Einkäufe und Waren müssen schließlich fluktuieren:
Bäume wachsen unbeirrt, wo sie vor Jahren eingepflanzt wurden, und wenn da später jemand auf die Idee kam, unnötigerweise Betonplatten auf den Bürgersteig zu legen, werden diese einfach vom Baum einverleibt, Natur gegen Beton - ich mag diesen Ansatz hier im sonst so einbetonierten und zugepflasterten Bangkok.

An Straßenszenen kann ich mich kaum sattsehen. Am liebsten würde ich alles und jeden fotografieren. Wie die drei Damen vom Grill hier, die sich auf einen langen Abend mit viel hungriger Kundschaft vorbereiten.
Oder diese Köchin, die auf einem Tuktuk Platz genommen hat, um noch schnell per Handy zu kommunizieren, bevor die Hungrigen ihren Stand stürmen.

Manche Tuktuks sind übrigens richtige kleine Kunstwerke; habe am Wochenende beispielsweise dieses Äffchen-Gefährt gesehen und fand es unheimlich niedlich, auch wenn es mit der Kombination aus Augen und Scheinwerfen ein bisschen an die Punktaugen einer überdimensionierten Spinne erinnert.
Selbst die Nachtclubs und "Girlie-Bars" haben einen sensationell hohen kunstgeschichtlichen Anspruch - es kann demnach kein Zufall sein, dass der Monet-Club (oder heißt er Manet-Club?) gleich neben dem Dali koexistiert, inmitten unzähliger Massagestudios und Sportsbars:

Wir haben uns am Wochenende auch dem beliebtesten thailändischen Hobby hingegeben und waren Shoppen. Christians Kolleginnen und Kollegen antworten beim Aufzählen ihrer Freizeitbeschäftigungen nämlich immer als erstes: Shopping. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass ein Ausflug in die riesigen Malls in erster Linie der Abkühlung und nicht dem Geldausgeben dienen, denn draußen ist es mitunter so unerträglich heiß und schwül, dass man am Wochenende ganze Großfamilien durch die klimatisierten Hallen des Konsums wandeln sieht, einen Eistee mit Kondensmilch in der einen Hand, zwei bis drei Plastiktüten mit Schnäppchen in der anderen. Die Malls müssen sich dabei einiges einfallen lassen, um gegeneinander zu konkurrieren und die Menschenmassen zu sich zu locken. Von künstlichen Wasserfällen bis zum Eislaufstadion (!) haben wir schon alles entdeckt, Multiplexkinos und Restaurants jeder internationalen Küche sind selbstredend ohnehin in allen Malls vertreten. In der high-end Mall, in der wir am Wochenende waren, fanden wir uns plötzlich in einem Dachterrassenwassergarten mit Kletterpark und überlebensgroßen bunten Erdmännchenfiguren wieder. Warum? Weil die Thais es eben können. Außerdem werden wohl nirgendwo mehr Selfies und Fotos geschossen als hier, da eignet sich wirklich jedes Motiv:
Die Mädels posen mit ihren Erdmännchen.
Ich frage höflich nach, ob ich auch ein Foto von ihnen machen darf.

Wir bekommen im Gegenzug ebenfalls eines.
Nach einem "französischen" Abendessen
Soufflé mit Hummersauce
haben wir allerdings genug vom Shoppen und suchen die Jazzclub-Empfehlung im Sheraton auf: The Living Room. Wir haben einen wunderbaren Abend mit Randy Cannon, Cherryl Hayes und einem Glas Prosecco und fühlen uns sehr sophisticated.

Als sich Randy (der Klavierspieler) in der Pause an unseren Tisch gesellt und uns wenig später noch seinen Freunden und dem Rest der Band vorstellt, fühlen wir uns schon sehr integriert in der Expat-Gemeinde Bangkoks. Da gehen wir sicher wieder hin.

Am Sonntag machen wir uns erneut auf zum Chatuchak Weekend Market. Vor unserem Apartmentblock warten wir auf den Shuttlebus zum Skytrain und lernen eine fünfköpfige Familie aus Bahrain kennen, die zufälligerweise auch zum "JJ Market" will. Da wir den Weg schon kennen, schließen sie sich uns an und wir kommen ins Gespräch. Christian - gewohnt höflich - stellt sich vor: "I'm Christian". Die Reaktion ist höfliches Lächeln, es wird auf die Schuhe gestarrt... Oh Mann - ich realisiere die Doppeldeutigkeit des Satzes. Die muslimische Familie hat wohl sowas verstanden wie: "Ich bin dann übrigens Christ, und Ihr so?". Schnell jage ich hinterher: "My name is Dajana", - aaah - Erleichterung blitzt in den Augen unserer Gesprächspartner auf. Endlich gibt es eine allgemeine Vorstellungsrunde und die Religionszugehörigkeit wird nicht mehr erwähnt. Wir erfahren, dass die Familie vor der unsäglichen Hitze im arabischen Inselstaat geflohen ist, wo das Thermometer derzeit bis zu 52 Grad Celsius anzeigt. Christian und ich gucken uns verstohlen an: nach Bangkok vor der Hitze fliehen??? Klingt in unseren Ohren so logisch, wie Pizzateig nach Italien mitzunehmen. Ob sie es denn nicht tierisch heiß finden hier in Bangkok bei immerhin 37 Grad, fragen wir. Ja, aber es geht gut, die hohe Luftfeuchtigkeit sei anstrengender. Da sind wir uns alle einig. Am Markt angekommen verabschieden wir uns und tauchen ein ins Gewusel.
Eine Hängematte ist immer und überall ein praktischer Begleiter.

Die gute alte Tischnähmaschine mit Fußpedal kommt bei den hiesigen Schneidern noch immer gerne zum Einsatz.

Effektive Regenrinnenkonstruktion.

Diese Künstlerin bemalt Leinenschuhe von Hand. Auf diesem Foto föhnt sie ihr neuestes Werk trocken. Die wirklich schönen Schuhe verkauft sie ab 450 Baht - das sind umgerechnet ca. 11 Euro. Und man kann ihr bei der kontemplativen Arbeit stundenlang zuschauen.

In diesem Coffee Shop wird der Kaffee richtig lecker und frisch durch den Filter direkt in den Becher aufgebrüht.

Stundenlang schlendern wir durch den Arts & Crafts Teil des Marktes, besuchen zahlreiche kleine gallery shops und sprechen mit den Künstlern und Händlern. Sehr nett hier, kreativ, modern, jung und bunt. Irgendwie verlaufen wir uns natürlich trotzdem und landen plötzlich in dem Bereich des Marktes, wo lebende Haustiere an den Kunden gebracht werden sollen. In winzigen Käfigen werden viel zu junge Hundewelpen unter grellem Neonlicht im Schaufenster präsentiert, manche sitzen apathisch in eine Ecke, andere haben das Glück, zu zweit im Käfig zu sein und tollen tapsig über den knapp bemessenen Käfigboden. Vor allem die niedlichen Schlappohrrassen und die Teddybärplüschfellkugeln scheinen bei der Kundschaft begehrt zu sein. Am Nebenstand werden sogar Huskys angeboten. Huskys. In Bangkok. Bei über 35 Grad. Wir sind fassungslos. In der Nebenstraße ist der Katzenverkauf und in karg möblierten, gefliesten Räumen tummeln sich bis zu 30 Katzen jeden Alters. Ein Kiosk ist voller blauäugiger Siamkatzen, der nächste bietet Langhaarrassen an. Noch einen Gang weiter hören wir die Papageien schon von weitem kreischen. Wieder das gleiche Spiel: große Vögel in viel zu kleinen Käfigen, die Flügel laienhaft gestutzt, dicke Ketten am Fußgelenk. Eine weitere Ecke gibt den Blick frei auf ganz viele Wellensittiche, die sich dicht gedrängt eine enge Voliere teilen. Wir wollen raus aus diesem Teil des Marktes.
Die Tiere freizukaufen ist wohl ein unmögliches Unterfangen, da der Kreislauf endlos weitergeht und die Puppy Farms schon morgen wieder neue Welpen etc. ankarren.
Ein paar Tage später erfährt Christian von seiner Kollegin, dass dieser Teil des Marktes irgendwie halb-legal ist, die Behörden aber der Lage offensichtlich nicht Herr werden können. Die einheimischen Haustiere dürfen offiziell verkauft werden, allerdings blüht in den hinteren Seitengängen der Handel mit Cites-pflichtigen Tieren und noch ein bisschen tiefer im Markt drinnen scheinen auch noch Hahnenkämpfe stattzufinden. Weiter erklärt sie, dass man sich hier gerne mal spontan ein süßes Hundebaby kauft, nach ein paar Monaten aber nicht mehr so recht weiß, wohin damit, und es dann einfach laufen lässt. Auf anderen Websites lese ich, dass viele der gekauften Welpen Staupe, Tollwut oder sonstige Krankheiten haben. Christians Kollegin selbst kümmert sich neben ihrer Arbeit im Büro um ca. 30 Hunde, die alle irgendwann den Weg zu ihr und ihrer privaten Auffangstation gefunden haben. Vielleicht kann sie ja mal meine Hilfe brauchen?
Endlich finden wir wieder den Weg zur Metro und sprechen noch lange über unsere gesammelten Eindrücke.
Am Abend suchen wir das nette indische Fastfood-Restaurant Saras auf, das ausschließlich vegetarische und vegane Gerichte auf der reichhaltigen Karte hat. Umgeben von indischen Tanten, Onkels, Kindern, Geschäftspartnern, überforderten Müttern und flirtenden Pärchen versuchen wir, mit den uns zum Teil gänzlich unbekannten Gerichtenamen klar zu kommen. In der Hoffnung, dass wir bei einem rein vegetarischen Restaurant nichts falsch machen können, bestellen wir einfach drauf los und haben binnen 20 Minuten so viele Leckereien auf unserem Tisch stehen, dass wir gar nicht wissen, was was ist und wo wir am besten anfangen sollen.
Christian und der Paneer-Dosa mit Kokosnuss-Chutney und Sambar.

Alles lecker und fettig und gut.
Unser Heimweg führt uns noch beim berühmtesten deutschen Restaurant Bangkoks vorbei, das momentan damit wirbt, die Pfifferlingswochen bereits eingeläutet zu haben... vielleicht sollten wir Otto im Herbst mal einen Besuch abstatten und schauen, ob er auch gute Kürbissuppe und Brezenknödel auf der Karte hat.

Daheim angekommen eine angenehme Überraschung: unser Tesco-Einkauf wurde pünktlich bei uns angeliefert und wie vereinbart in unserer Abwesenheit zusammen mit unserem Hausmeister-Service bei uns daheim auf dem Fußboden drapiert. Netterweise wurden Butter und Käse vorsorglich im Kühlschrank versorgt.
Irre, wie viel Wasser wir hier pro Woche verbrauchen.




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